GERSDORF


Die Gemeinde Gersdorf im Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz bestand aus der Ortschaft Gersdorf und den beiden Ortsteilen Lehmhübel und Lerchenthal sowie den Einschichten Bergbauer und Fichtelschenke. Die Ortschaft Gersdorf liegt in einer schönen Talmulde entlang des Absbaches. Das Gemeindegebiet, das 762 ha Fläche umfasste, bestand zu 65 % aus landwirtschaftlichen Flächen und zu 25 % aus Wald. Bis 1945 war Gersdorf nahezu ein reines Bauerndorf geblieben, in dem 29 % der Wohnbevölkerung dem land- und forstwirtchaftlichem Bereich angehörten. Der industrielle und handwerkliche Sektor war mit knapp 50 % relativ stark. Die Arbeiter hatten meist in Böhmisch Kamnitz, Rabstein und Bensen ihre Arbeitsplätze. Vor der Industrialisierung war Gersdorf durch seine Strumpfwirkereien, Zwirnereien, Färbereien und Bleichereien bekannt - ein Ortsteil hieß auch „Auf der Bleiche”. Im Wirtschaftsbereich Handel und Verkehr waren rund 6 % der Einwohner tätig.  

Gersdorf besaß schon in vorhussitscher Zeit ein Gotteshaus, das ursprünglich zur Pfarrei in Böhmisch Kamnitz und später zu Markersdorf gehörte. 1480 wird von einer Kapelle berichtet. Die Kirche S. Maria Magdalena wurde 1775 bis 1778 an Stelle eines alten Kirchleins in spätbarockem Stil erbaut. 1788 wird Gersdorf eine Expositur der Pfarrei St. Martin in Markersdorf und 1853 erfolgte die kirchliche Selbständigkeit mit eigener Pfarrstelle. Der Sprengel umfasste den Bereich der politischen Gemeinde Gersdorf. Die Matriken sind ab 1707 erhalten. Ältere Eintragungen finden sich in den Markersdorfer Matriken. 2006 wurden zwei neue, mit zweisprachigen Inschriften versehene Kirchenglocken im Beisein des Leitmeritzer Generalvikars feierlich geweiht.  

Das alte Erbgericht in Gersdorf ist für 1382 und 1394 belegt. Als Richter wurden damals Heinmich oder Heinrich und Niclas benannt. Später bestand ein Ortsgericht. 1715 war Georg Palme der Ortsrichter, ab 1772 Franz Anton Hesse und ab 1829 Stephan Hauptmann. 1850 wurde aus Gersdorf, Lehmhübel und Lerchenthal die politische Gemeinde Gersdorf gebildet und dem Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz zugeordnet.  

Gersdorf ist eine deutsche Rodung des 13. Jahrhunderts. Der Name dürfte vom Gründer oder Lokator stammen, der den Namen Gerhard trug. Die älteste urkundliche Nennung von Gersdorf erfolgte 1382 im Böhmisch Kamnitzer Stadtbuch. Die ältesten bekannten Familiennamen sind ebenfalls im Kamnitzer Stadtbuch von 1380 bis 1516 verzeichnet und lauten 1392 Cuncz Gelher, 1402 Hannus Blauhaupt, Niclaus Hitzel, Andres Kröl, Niclaus Ricker, Niclas Wezink, 1411 Niclaus Knebel, 1420 Niclas Waintzke, Fesig, 1491 Crystenn Hickel, Urban Limbacher und 1494 Jörge Limpacher sowie 1588 Nickel. 1654 gab es in „Kerzdorff” bzw. „Kersdorf” 25 Bauern, zwei Gärtner und 23 Häusler - also zusammen 50 Häuser. Die Namen waren laut Steuerrolle für die Vollbauern (= Grundbesitz von 11 bis 18 Strich) Hackel, Lerch, Hickisch, Hauschild, Keyser, Knapp, Kral, May, Sießig und Wenzel. Die Namen der Halbbauern (= Grundbesitz 7 bis 11 Strich) waren Hickisch, Hauschild, Hackl, Horn, Karsch, Krüll, Lerche, May und Scholz. Der nach Markersdorf untertänige Vollbauer hieß Nikolaus. 1713 lebten 29 Wirte und 76 Häusler in Gersdorf, d.h. dass der Ort aus 105 Häusern bestand. Auffallend war damals die große Zahl von acht Fuhrleuten und zwölf Landgängern mit Glas (= Hausierhändler). 1787 gab es im Ort 120 und 1833 schon 133 Häuser; im letztgenannten Jahr lebten 831 Menschen in Gersdorf. Im 19. Jahrhundert entstanden auch die Lerchenthal-Häuser. Laut Volkszählung von 1869 hatte Gersdorf 1.060 und laut Volkszählung von 1890 noch 898 deutsche Einwohner, die in 150 Häusern lebten. Die häufigsten Familiennamen in Gersdorf waren 1934 Hickisch, Kreibich, Grasse, Heller, Heide, Janich, John, Paudler, Wagner, Füller, May, Piesche, Prosche und Weber.  

Die tschechische Gemeinde Kerhartice (= Gersdorf) hatte den gleichen Gebietsumfang wie die frühere deutsche Gemeinde. 1961 lebten 176 Menschen dort. Heute gehört Kerhartice als Ortsteil zur Stadt Česka Kamenice (= Böhmisch Kamnitz).

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